Die Zeitungen müssen nicht sterben!

Die Diskussion schwelt schon lange vor sich hin, in den letzten Wochen hat sie durch die Insolvenz der „Frankfurter Rundschau“ und die Einstellung der „Financial Times Deutschland“ neuen Aufwind bekommen. Landauf, landab beklagen Verleger das Zeitungssterben, das ihnen das böse, böse Internet beschert hat. Dass so eine großartige Sache wie das Internet neben sicherlich vorhandenen Risiken auch jede Menge Chancen bietet, geht an den hohen Herren der Verlagshäuser, die sich vermutlich auch noch die ausgedruckten E-Mails aus dem Vorzimmer hereinreichen lassen, komplett vorbei. Und wenn nun sogar über ein Leistungsschutzrecht in der Politik diskutiert wird, dann zeigt das nur, wie wenig die Entscheider und Einflussreichen dieses Landes das Netz verstanden haben. Die beklagen sich tatsächlich darüber, dass ihnen von einer Suchmaschine, die Artikel nur in wenigen Zeilen anreißt, Leser zugeschanzt werden, die den kompletten Text lesen möchten. Wie irre ist das denn?

Aber wie steht es denn bei mir zuhause mit der Zeitung? Wir haben eine regionale Tageszeitung abonniert. Dass diese manchmal nicht rechtzeitig genug ausgeliefert wird, um sie mit zur Arbeit zu nehmen, ist nur eines der Probleme von Zeitungen aus Papier. Über Aktualität brauchen wir nicht diskutieren. Kommt man nach Feierabend nach Hause und findet dann endlich die Tageszeitung im Briefkasten, sind deren Nachrichten inzwischen gefühlte zwei Tage alt. Oft genug überlege ich am Wochenende ob ich in der Zeitung die News von gestern lesen will oder ob ich nicht gemütlich mit dem iPad tagesaktuelle Neuigkeiten lesen will. Die Entscheidung fällt sehr häufig für letzteres.

Die Vorteile von elektronisch konsumierten Nachrichten liegen für mich auf der Hand: ich habe sie – Internet sei Dank – jederzeit parat. Außerdem liegen die Medien gut in meiner Hand, egal ob Smartphone oder Tablet. Vergessen sind die Zeiten, in denen man sich mit großformatigen Zeitungen herumschlagen musste und sich beim Hantieren mit den Seiten wie beim Aufbau eines Zeltes im Sommercamp vorkam. In beengten Räumen wie etwa einem vollbesetzten Bus oder Zug sollte man sich mit einer Papierzeitung schon vorab gut überlegen, welche Seite man denn während der Fahrt lesen will. Umblättern ohne ausholende Bewegungen und Anschubsen der Sitznachbarn nicht möglich. Dagegen das Smartphone: schwupp, aus der Tasche in die Hand und gut ist. Und wenn mich ein Artikel wirklich interessiert, schaue ich nach, was andere darüber schreiben oder kann mich in Sekundenschnelle per Wikipedia weiter in ein Thema einlesen.

Ein Argument, über das ich eigentlich noch nie was gelesen habe: die Ressourcenverschwendung. Schließlich gibt es nicht nur eine Tageszeitung, sondern dererlei viele. Und FAZ, SZ und erst recht die BILD wollen bundesweit ausgelegt werden. Jeden Tag werden Millionen Zeitungen mit 20+ Seiten Umfang produziert, deren Nachrichten eigentlich schon am Erscheinungstag veraltet sind. Abgesehen von den Papiermengen und der Energiekosten, die man für die Herstellung von Papier und Zeitung aufwenden muss, gehört ja auch noch eine ausgeklügelte Logistik dazu. Schließlich gibt es die BILD nicht nur am Bahnhofskiosk der Großstadt, sondern in jedem Kiosk, bei fast jedem Bäcker. Könnte sich mal bitte jemand die Mühe machen und ausrechnen, was da allein an Kilometerleistung der Lieferwagen jeden Tag zusammenkommt? Über unzählige Rückläufer, die unverkauft zurückgehen will ich gar nicht reden. Oder wann habt Ihr das letzte Mal an einem Zeitungsstand den Satz „Sorry, aber [Zeitung XY] ist für heute ausverkauft“ gehört?

Ihr merkt: ich bin inzwischen ein ziemlicher Gegner von Papierzeitungen. Und auch das Argument der „tollen Haptik und des nostalgischen Geruchs von Druckerschwärze“ lasse ich nicht gelten, denn auch Fahrer von 300 PS starken SUVs kommen bei mir mit dem Argument „Ich bräuchte es ja nicht, aber dieses dumpfe Brummen hat schon was…“ nicht durch.

Nun heißt all das aber nicht, dass durch das Verschwinden von Papierzeitungen der Journalismus sterben wird. Seien wir mal ehrlich: viele Tageszeitungen bestreiten einen Großteil ihres täglichen Inhalts mit unkommentierten Agenturmeldungen. Das hat nichts mit Journalismus, sondern höchstens was mit „copy’n’paste“ zu tun. All diese Meldungen hat man schon am Vortag in diversen Nachrichtenportalen im Netz lesen können, teilweise Wort für Wort. Was die (lokale) Tageszeitung für mich jedoch weiterhin attraktiv hält, sind die regionalen Themen. Und damit meine ich nicht Meldungen a la „Bommel gewinnt bei Kaninchenschau in Bielefeld-Schuckenbaum“, sondern Meldungen aus der Lokalpolitik, die in bundesweit erscheinenden Tageszeitungen nicht vorkommen würden. Außerdem bieten Zeitungen außer Lokal- und Agenturmeldungen häufig auch eigens recherchierte Artikel – und für die bin ich dann auch bereit zu zahlen.

Gerade auch im Bereich von Fachmagazinen ist mir die Kompetenz der dort schreibenden Journalisten auch weiterhin das Geld wert. Ich lese gerne Artikel zu Technik-Themen und orientiere mich häufig lieber an der Fachpresse als an ergoogleten Usermeinungen, irgendwo aus dem Internet. Wer mal für eine hochpreisige technische Anschaffung bei z. B. Amazons Produktbewertungen recherchiert hat und über haufenweise sinnfreie Kommentare wie „Gerät ist gut, aber die Lieferung hat fünf Tage gedauert“ oder „Gerät ist Mist, war schon bei Lieferung defekt!“ gestolpert ist, weiß schnell das versierte Urteil eines Fachmanns zu schätzen, der versucht Objektivität walten zu lassen.

Ich persönlich finde es sehr schade, dass die Verlage dem Internet zu großen Teilen immer noch so skeptisch gegenüber stehen. Fakt ist: das Internet ist kein kurzer Trend. Es wird zukünftig aus der Lebensrealität von Personen ab ca. Geburtsjahr 1990 nicht mehr wegzudenken sein. Am liebsten würde ich mir wünschen, dass sich die großen Verlagshäuser zusammentun und eine gemeinsame Plattform entwickeln, die zahlenden Benutzern alle Inhalte zur Verfügung stellt. Ähnlich wie es Hulu und Netflix in den Vereinigten Staaten machen. Ich bezahle einen monatlichen Betrag und habe dadurch Zugang zu allen Inhalten. Abgesehen von dem ganzen Social Media-Schnigges, der natürlich standardmäßig dabei wäre (auch wenn ich ihn nicht brauche, das SpiegelOnline-Forum ist der Vorhof zur Hölle btw.), könnte man hier in bester Amazon-Manier ein „Leser, die dieser Artikel der HAZ interessierte, lasen auch folgenden FAZ-Artikel“ einbinden. Ich hätte damit die Möglichkeit eine weitere Perspektive zu einem Thema zu bekommen, die FAZ hätte die Möglichkeit auf diese Weiss bei mir überhaupt Aufmerksamkeit zu erregen. Als kleines Sahnehäubchen könnte ich mir in einer App eigene Themenschwerpunkte setzen und zu diesen täglich aktuelle Meldungen auch offline verfügbar machen. Zukunftsmusik, die unmöglicher scheint als die Quadratur des Kreises.

Für den Anfang würde es mir ja schon reichen wenn digitale Abos von E-Paper-Ausgaben wesentlich günstiger wären als das Papier-Pendant. Das bei digitalen Zeitungen die nicht vorhandenen Produktions- und Lieferkosten zumeist keine Auswirkungen auf den Verkaufspreis habe, ist mir bis heute unverständlich. Vielleicht sollten die Verlagshäuser anfangen zu verstehen, dass sie mit einer verkauften Online-Ausgabe zum halben „Papier-Preis“ besser bedient sind als mit einer Papier-Ausgabe, die ich am Kiosk vergammeln lasse…

Wie steht Ihr zum Thema (Tages-)Zeitungen? Papierversion oder E-Paper? Bekommt Ihr Eure Nachrichten aus dem Netz oder vertraut ihr auf die gute alte Presse?

Kommentare(4)
  1. phil 09.12.2012
  2. Peter 10.12.2012
  3. andreas 10.12.2012
  4. phil 13.12.2012

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