Serienkritik: “Dogs Of Berlin”

Das passiert nicht alle Tage: Orkan Erdem, deutsch-türkischer Weltfußballer des Jahres, liegt in Berlin-Marzahn erschlagen hinter einer Hecke. Ihm fehlt ein Finger. Alles sieht nach einer Abrechnung des organisierten Verbrechens mit einem Sportler aus, der vielleicht in einen Wett-Skandal verwickelt war. Apropos Wetten: für den Abend nach dem Mord steht ein Länderspiel der deutschen Mannschaft gegen das Team der Türkei auf dem Plan. LKA-Ermittler Kurt Grimmer wittert eine Chance: wenn er den Mord lange genug geheim halten, die deutsche Mannschaft mit der Verkündung der Teamkollegen-Todes verunsichern und auf einen Sieg Türkei wetten kann, könnte er damit seine Schulden bei einem zwielichtigen Wettbürobesitzer begleichen. Kann er den Tod bis zum Spiel geheim halten? Und wie kommt er mit seinem neuen türkischstämmigen Ermittler-Kollegen zurande?

Regisseur Christian Alvart hat mal so gut angefangen… Seine Filme “Antikörper” (Thriller, 2005) und “Pandorum” (Science-Fiction, 2008) waren beide auf ihre Art genreuntypisch – und trotzdem spannend. Seitdem ging es leider stetig bergab. Spätestens mit seiner Arbeit an den Schweiger-Tatorten sah ich sein Potenzial komplett verschenkt. Nun also “Dogs Of Berlin”, nach “Dark” die zweite Netflix-Serie aus Deutschland.

Von Beginn an kommen mir bei “Dogs Of Berlin” meine Kritikpunkte an der Netflix-Serie “Stranger Things” in den Sinn. Die konnte bei mir nicht wirklich landen, weil sie zu vollgepackt mit Dingen war, die einfach nur die Aufmerksamkeit von jenen Zuschauern ziehen sollte, die ihre Jugend in den 80ern verlebt haben. Da wurde vor lauter Schielen auf die vermeintliche Zielgruppe das Herzblut vergessen. “Dogs of Berlin” treibt das noch auf die Spitze, ist die Serie doch ein wahrer Eintopf an Klischees, die alle zusammen in einen Pott geschmissen werden. Auf der einen Seite ein LKA-Ermittler, der neben Wettschulden noch eine asoziale Geliebte als Kontrast zum “shiny-shiny Familienleben” und oben drauf noch eine Nazi-Vergangenheit hat. Auf der anderen Seite sein türkischer Kollege, der von vielen nur als der “Alibi-Türke” angesehen wird, homosexuell ist und aufgrund dessen mit seinem stolzen Vater gebrochen hat. Hinzu kommen eine Geliebte, die ein Alkoholproblem hat und sich nicht um ihre Kinder kümmert und Grimmers Frau, die zwar einen hippen Laden für scheißteure Deko-Kunst hat, aber eine Affäre mit einem quasi Hell’s Angel-Outlaw beginnt. Von den sich bekriegenden libanesischen und kroatischen Clans fange ich besser ebenso wenig an wie von den kreativen Namensgebungen von “Sabine Ludar” (natürlich die Geliebte) bis hin zum Wachtmeister Wachtmeister (was ein Geniestreich!).

In der TAZ macht man sich zwar für die These stark, dass die Komprimierung all dieser Klischees ironisch zu sehen ist und den Unterhaltungsfaktor ins Unermessliche steigert; meine Zustimmung findet das jedoch nicht. Dafür nimmt sich die Serie dann doch viel zu ernst. So kann ich an vielen Stellen einfach nur den Kopf schütteln, beispielsweise wenn praktisch *jeder* neue Darsteller mit einem dramatischen Zoom auf sein/ihr Gesicht eingeführt wird (“Tadaaa!”). Einmal kann man sowas ja machen, aber allein innerhalb einer Episode gleich eine ganze Handvoll dieser Zooms wirkt lächerlich. Über die Green-Screen-Katastrophe, die uns hier als Länderspiel verkauft werden soll, legen wir mal lieber gleich den Mantel des Schweigens.

Böser Libanesen-Clan, böser…

Natürlich gibt es in den zehn Folgen mit je etwa 50-60 Minuten Laufzeit durchaus auch Licht und nicht nur Schatten. Mein Highlight war Katrin Sass als “Nazi-Oma”. Wer sich schon bei Lanz so über das Dschungelcamp ereifert wie sie, empfiehlt sich als Bestbesetzung für eine zeternde Rassistin. Was Alvart sich jedoch dabei gedacht hat, Hannah Herzsprung als doppeldeutige Quasi-Agentin “Trinity Sommer” in einem langen schwarzen Mantel a la “Matrix” ins Drehbuch zu schreiben, bleibt vermutlich immer sein Geheimnis. Andererseits unterstützt allein schon der Name “Trinity” wieder die Ironie-These der TAZ…

Die Darstellerleistung ist insgesamt sehr durchwachsen: Felix Kramer als Kurt Grimmer wirkt immer ein wenig wie einer SAT.1-Krimiserie entsprungen, irgendwie gekünstelt. Fahri Yardim kann hier leider nicht so überzeugen wie in vielen anderen Rollen. Hannah Herzsprung? Geschenkt.

Auf Seiten der Bösewichte kann eigentlich nur Mišel Matičević voll überzeugen. Dass er ein perfekter Bösewicht ist, hat er u. a. schon in Dominik Grafs “Im Angesicht des Verbrechens” und jüngst im Erfolg “Babylon Berlin” unter Beweis stellen können. Die Darsteller des libanesischen Clans bleiben dem gegenüber sehr blass und könnten dringend Nachhilfe bei den Jungs von “4 Blocks” gebrauchen.

Die ersten Folgen waren wahrlich nur schwer erträglich, weil ich die Serie weder ernst nehmen, noch wirklich über sie lachen konnte. Ich muss aber auch zugeben, dass sich nach dem ersten Frust die Serie doch noch halbwegs mausert. Die letzten Folgen sind tatsächlich ernster und dadurch ganz okay, dennoch würde ich ihr nicht das Prädikat “sehenswert” vergeben. Dafür waren mir alles in allem die Charaktere viel zu platt, viele Handlungen zu vorhersehbar und überraschungsarm und es fehlte gerade den zentralen libanesischen Bösewichten an Charisma. Wer knallharte Clan-Kämpfe in Berlin sehen will, der greife doch lieber zum bereits zitierten “4 Blocks” (Amazon Prime).

Was man Christian Alvart aber zugute halten muss: er traut sich auch mal aus der Deckung der deutschen Piefigkeit heraus und inszeniert auf internationalem Niveau. Da wird weder an expliziter Gewalt noch an nackter Haut gespart. Dadurch sticht die Serie zwar klar aus dem öffentlich-rechtlichen Serien-Einerlei hervor: so richtig gut macht es die Sache aber auch nicht.

Anbieter: Netflix

Wertung: 3/5

Hinterlasse uns einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.