Wort zum Sonntag: 1332637199 – oder: Wo Zeiten sinnlos walten

Nein, das ist nicht der drölfzigste Eintrag, dass man ab heute seine Gartenstühle VOR das Haus stellen soll. Gott sei Dank.
Ist doch auch vollkommen egal! In Zeiten von Funkuhren und automatischer Sommerzeiterkennung braucht man all das doch gar nicht mehr.
Oder?

Mit den Zeiten in IT-Systemen läuft selbst bis heute hinein ja noch nicht alles perfekt. Ich erinnere mich noch an 1999, wo alle Welt Angst vor dem Jahr 2000-Bug hatte. Früher war Speicher teuer und man verzichtete auf die “19” in den Jahresangaben, stattdessen war es doch naheliegend, dass “86” für 1986 stand. Doch im Jahr 2000 würde der Zähler auf “00” springen, was -so die Vorahnung- viele Systeme ins Jahr 1900 zurückversetzte und so alles durcheinander schmiss, falsche Prozesse anstieß. Ampelanlagen sollten ausfallen, Verwaltungen würden aufgrund falsch angesprochener Geburtsdaten nicht mehr arbeiten können, selbst Atomkraftwerke könnten ausfallen.
Was wurden wohl für Manntage verbraten, um die “Bugs” bewusster Natur aufzuarbeiten? Ich will es gar nicht wissen. Allein die Aufarbeitung des amerikanischen Medicare-Programms soll 500 Mio$ gekostet haben. Aber es hat sich gelohnt: Der Ausfall war übersichtlich und wir leben immer noch.

Doch das war früher? Heutzutage haben die IT-Systeme doch keine Probleme mehr mit der Zeit?
Falsch gedacht. Der Jahr 2000-Bug wiederholte sich exakt 10 Jahr später erneut. Es gibt verschiedene Methoden, Uhrzeiten in IT-Systemen zu speichern und beim Jahreswechsel zum Jahr 2010 drehte ein anderes Speicherformat durch. Zwar flogen uns keine Atomkraftwerke um die Ohren, aber der Eine oder Andere erinnert sich vielleicht daran, dass sie 2010 Probleme mit der EC-Kartenzahlung hatten – es funktionierte einfach nicht. Nach einigen Wochen stellte sich dann heraus, dass das Datumsformat falsch sei und man als Behebung -Achtung!- den Chip mit Tesafilm abkleben sollte. Good Old Tesa fixes IT, das hätte sich Herr Tesa auch nicht träumen lassen.
Auch geriet ein international eingesetzter Spamfilter ins Wanken, erkannte in korrekten Datumsangaben von Mails auf einmal eine zu große Abweichung zur realen Zeit und stufte Millionen Mails fälschlicherweise als Spam ein.

Im selben Jahr sorgte ein Bug in iOS dafür, dass die iPhones rund um die Welt ihre Wecker nicht zur Winterzeit korrigierten. Zwar sprang die Systemzeit vom iPhone richtig um, aber die Wecker haben davon nichts mitbekommen, sodass am Montag nach der Zeitumstellung womöglich Tausende Menschen eine Stunde zu spät geweckt wurden.

Wir denken immer, dass die Technik um uns herum so perfektioniert sei, dass wir manchmal grundsätzliche Dinge wie die Zeit vergessen. IT-Systeme um uns herum basieren auf ganz einfachen Mechanismen, auf denen sich dann alle weiteren tollen Techniken aufbauen.
Man kann das wie eine umgekehrte Pyramide verstehen: Unten gibt es einen kleinen Teil, der fast unscheinbar klein ist, aber darauf basieren immer mehr Bausteine nach oben hin. Durch die Last auf dieses kleine Element ist es superschwer, dieses Element auszutauschen oder zu verändern, selbst wenn man weiß, dass es nicht mehr lange durchhält. Aber wenn dieses kleine Element -wie hier die Zeitzählung- zusammenbricht, dann bricht mit ihm ein ganzes Konstrukt zusammen.
Ich finde es faszinierend, bei der ganzen Technologisierung mal kurz inne zu halten und sich klar zu machen, was diese Systeme alles leisten – und wie empfindlich sie eigentlich sind, wenn der falsche Baustein nicht mehr rundläuft.

Wer sich fragt, wofür 1332637199 steht: Das ist der Unix-Timestamp von heute Nacht, 01:59:59 Uhr, also einer Sekunde vor der magischen Stundenverpuffung. Der Timestamp steht bei sehr vielen IT-Systemen zur zeitzonen- und formatierungsunabhängigen Speicherung von Uhrzeiten und bezeichnet die Menge der Sekunden seit dem 01.01.1970. Womit wir schon beim nächsten Problem sind, denn der reservierte Speicherbereich für Timestamps läuft im Jahr 2038 aus.

Ich befürchte, unsere hochkomplexen IT-Systeme werden noch lange an so etwas einfachem wie der Uhrzeit scheitern.
Was übrig bleibt? Gartenstühle VOR das Haus stellen, denn in dieser Nacht wurde ja auch eine Stunde VOR gestellt, und Omas Wecker streicheln. Denn der wird auch nach 2038 noch funktionieren. Ganz sicher.

Artikelbild: Konstantin Brückner / pixelio.de

Kommentare(2)
  1. phil 26.03.2012
  2. Der_Stille_Pupser 26.03.2012

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