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Ein Jahr ohne Likes – Experiment erfolgreich, aber gescheitert

Vor mehr als einem Jahr habe ich mich dazu entschieden, Posts bei Facebook nicht mehr zu liken. Kein “Gefällt mir” beim schönen Familienfoto, kein “Like” bei dem stolzen CheckIn bei McDonalds am Times Square.
Es war ein Jahr voller Missverständnisse und am Ende fühlte ich mich socialmedia-mäßig vereinsamt.

Dieser Artikel ist ursprünglich am 09. April 2017 erschienen. Er ist aber heute immer noch gültig und wurde deswegen erneut veröffentlicht.

Die Grundfragen – und das Problem

Was bedeutet der Daumen auf Facebook, das Herz bei Twitter? Was möchte der Klicker sagen und was kann der Autor unter einem Like tatsächlich verstehen? Es ist doch komplett unklar, was beide Seiten vom Daumen haben. Es macht sich in mir eine hilflose Leere breit, wenn ich eine Frage ins Social Network puste und diese Frage einen Like erhält. Was habe ich mit meiner konkreten Frage von einem Like?
Dank Massen-Likes wird das gesamte Klicken komplett ad absurdum geführt. Ich war selbst Zeuge, wie Menschen auf ihrem Handydisplay bei Instagram jedes Bild geherzt haben, ohne auch nur das Bild genau anzuschauen. Scrollen, Herz, Scrollen, Herz, Scrollen, Herz. Im Sekundentakt.

Meine Schlussfolgerung: Ein Like, ein Herz ist schlichtweg nicht einmal die Bits wert, die deren Übertragung kostet. Likes sind inhaltslos und meist auch lieblos abgegeben.

Die Lösung: Keine Likes vergeben – mit einem Haken…

Also entschied ich, einfach keinen Beitrag mehr zu liken. Gefiel mir ein Beitrag, ein Foto, so wollte ich einen Kommentar hinterlassen und festhalten, was ich an diesem Beitrag so bewunderswert finde: Ich habe meine Anerkennung ausgedrückt und dem Autor auch mitgeteilt, was er besonders gut gemacht hat oder welche Emotion der Beitrag bei mir hervorgerufen hat.
Soviel zur Theorie.

Die Praxis stellte sich irgendwann als eher klobig heraus.
Wie kommentiert man ein Bild von einem Sonnenuntergang am Meer, wenn es einem schlichtweg gefällt? Wenn das Meer in einem ein Wohlfühlgefühl hervorruft? “Das Bild gefällt mir, weil es in mir ein Wohlfühlgefühl hervorruft” – ist klar…! Oder dann doch eher einfach? “Oh, ein Sonnenuntergang auf dem Meer – wie schön!” – dann hätte ich auch gleich liken können.
Wie kommentiere ich einen stolzen CheckIn bei Burger King in Paris, wenn ich weiß, dass der Autor sich seit Jahren auf diese Reise freute? “Ich gönne dir die Reise!” – wie herrschaftlich und zugleich steif klingt das denn? Ein dummer Spruch wie “Haben die da auch Burger in Herzform?” wird weder meinem Anliegen noch dem Stolz des Autors gerecht.
Mein Bruder ernährt sich recht gesund und postet regelmäßig die Ergebnisse seiner Kochkünste auf Instagram (wo auch sonst…). Die ersten Male gelang das Kommentieren noch gut: “Oh, das sieht ja lecker aus!” oder “Das muss ich auch mal probieren!”. Doch, was macht man nach dem 10. oder 20. Foto? Ständig das Selbe kommentieren, stellte mich nicht zufrieden und würde nach dem dritten Mal auch an Wirkung verlieren.

Die Social Media-Isolation als Folge

Keine Likes mehr verteilen wollen, aber irgendwie auch keinen Ansatz für Kommentare. Die Konsequenz war klar: Es gab einfach gar kein Feedback von mir. Und während die Sonnenuntergangsbilder von allen näheren Freunden fleißig gelikt wurden, fehlte immer einer: Ich. Zig Leute herzten den CheckIn bei Burger King, bis auf einer: Ich.

Natürlich sitzt keiner vor seinem Profil und zählt die Menge der Likes, um dann bestimmte Leute unterhalb der Schwelle abzustrafen. Aber die Leute, die regelmäßig Beiträge liken, sind dem Autoren wesentlich bewusster: “Oh, Christina hat wieder ein Bild gelikt, schön!”, “Oh, Beate hat meinen CheckIn gesehen, cool!”, “Frank gefällt mein Statement, das müßig in der Straßenbahn auf die Smartphone-Tastatur fingerte!”.
Dass ich mir selbst eine Like-Sperre auferlegt habe, weiß der Autor ja nicht. Und selbst, wenn: Es bliebe ja die Möglichkeit eines Kommentars. Aber der blieb zunehmend auch aus.

Es fühlte sich dem Autoren gegenüber stets falsch an, wenn der gesamte Freundeskreis Dinge likt. Aller Sinnleere zum Trotz hatte der Like einen Wert für den Autoren. Er wurde virtuell von einer bestimmten Freundes- oder Menschenschar für seinen Beitrag wertgeschätzt. Er sieht auch, wer sich alles mit dem Beitrag auseinandergesetzt hat.
Ich selbst kann mich nicht dagegen erwehren: Vor kurzem habe ich einen Beitrag auf Facebook gepostet und er hat überproportional viele Likes bekommen. Ich habe mich sehr gefreut und selbst noch am Folgetag erfreut den Counter der Likes beobachtet.

Konsequenz: Die Like-Gesellschaft fordert ihren Tribut

Über ein Jahr habe ich keine Likes mehr verteilt. Zwischenzeitlich gibt es auf Facebook nicht nur Likes, sondern auch Herzen und Smilies. Social Media funktioniert nicht mehr ohne die schnelle Klick-Interaktion. Likes sind die einfachste und wirkungsvollste Weise, dem Beitrag eine Bedeutung zuzuwenden und so dem Autoren die Anerkennung auszusprechen.
Ohne Likes funktioniert Social Media nicht mehr.

Mein Widerstand ist gebrochen.
Ich werde wieder liken, denn ich will mich nicht bewusst isolieren. Ich habe mich dazu entschieden, auf der Social Media Plattform zu sein und muss nach den Spielregeln spielen, die nirgends niedergeschrieben sind. Aber sie stellen die Basis für das soziale Miteinander auf der Plattform dar und ich möchte zur Social Media-Gesellschaft gehören.

Ich werde zwar nie im Sekundentakt massenhaft Herzen verteilen – aber ich werde auch nie wieder keine Herzen verteilen.
Damit mein Herz sich wohlfühlt.

3 Gedanken zu “Ein Jahr ohne Likes – Experiment erfolgreich, aber gescheitert”

  1. Also ich freue mich über jedes Like Herz (früher Sternchen) auf Twitter. Auch angesichts der Tatsache, dass ich mich mehr und mehr von Facebook entfremde und Instagram auch eher sporadisch nutze. Allein die wöchentlichen (!) Updates für FB / Messenger mit insgesamt 600 MB sind eine Frechheit. Da wird selbst der naiveste Internetnutzer hellhörig.
    Auf einigen Geräten habe ich Facebook bereits verbannt.

  2. Ich finde dieses gesamte social media Konstrukt (Facebook, instagramm, snapchat, myspace, Twitter etc.) höchst verwirrend und nutze prinzipiell keinen einzige dieser Plattformen. Mein Freundeskreis erfordert es nicht und ich sehe darin einfach den Zweck nicht. irgendetwas zu liken oder zu posten bringt mir nichts da ich 1. Keine Bestätigung von Leuten brauche die mir kaum nahe stehen und 2. Ich mich über eine tolle Sache einfach mit meinen Freunden direkt austausche. Ich verstehe aber den Reiz durchaus und ob und wie jemand dieses Internet usw benutzt, entscheidet jeder natürlich selbst. Es ist und bleibt die große Verführung.

  3. Danke für diesen wichtigen Beitrag und das Selbstexperiment. Ich habe mein Verhalten und die Veränderungen über die Jahre immer beobachtet und bin an einem Punkt, an dem ich sehr gezielt auswähle, was ich like, beherze, besterne oder kommentiere. Da mir die Algorhythmen eh nicht jeden Beitrag anzeigen (Weißt du noch, vor ein paar Jahren, als Facebook dir alles deiner Freunde chronologisch angezeigt hat? DAS war geil!), kann ich auch sehr bewusst auswählen, wenn ich “nachlese”. Komme ich zeitlich nicht so oft zu, aber ich habe mir das vorgenommen und werde das einhalten. Und auch da like ich nicht alles. Nur das, was ich wirklich mag. Und ich lese jeden langen Text zu einem Bild bei instagram. Ich lese auch die Blogbeiträge, wenn ich Links sehe – nicht jeder hat wunderhübsche Header, aber dafür geilen Inhalt. Ich gehe bewusst mit meinem Klickverhalten um. Thats it.

    Mittlerweile ist mir dieses ganze Socialmediadings auch zu “mühselig” und langweilig geworden. Werbung, Videos, Gifs. In der Reihenfolge und meist auch im Wechsel. Ich bin noch jemand, der auf Inhalt steht. Worte! Richtige Worte, die nicht abgekürzt, sondern geschrieben sind. Ich bin auch jemand, der nicht massig Replys schreibt, sondern eher eine Nachricht. Twitter ist für mich kein Chat.

    Um Menschen zu erreichen (mit den Projekten), brauche ich die Wege. Mein privates Profil bei Mister Zuckerberg ist meist eher sträflich vernachlässigt. instagram so lala. Twitter ist dann schon eine Option. Aber nie kam es mir auf Klickzahlen an. Ich bin kein Produkt, dass sich verkaufen muss. Ich biete Inhalt. Nicht mehr.

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