#BerlinGegen13, oder: Ein Umbruch im Demonstrieren?

Bild: Berlin gegen 13 (EOSAndy)

Wir von Nerdtalk sind selten politisch. Aus guten Gründen halten wir uns aus vielen Themen heraus: Wir sind ein Filmpodcast und sollten uns, ganz Schusters Leisten, auf unsere Nerd-Themen beschränken.
Doch wir haben selten ein Blatt vor den Mund genommen, wenn wir eine Meinung zu gesellschaftlichen Strömungen haben – insbesondere, wenn die Nerdthemen einen elementaren Bestandteil in diesen einnehmen. Und genau so ein Artikel ist das hier.

Ausgangslage

Am vergangenen Samstag, den 02. März 2019, haben knapp 3.500 Menschen gegen Artikel 13 der EU-Urheberrechtsreform protestiert (wenn du nicht weißt, um was es geht, hilft dieses Video gut weiter). Ich war einer der 3.500 Menschen.
Diverse Organisationen haben aufgerufen, an der Demo teilzunehmen, die den bundesweiten Demonstrationen am 23. März 2019 vorgeschaltet sein sollte. Unter anderem auch YouTuber. So gingen schon lange vor der Demonstration Tweets raus, dass beispielsweise Tanzverbot und Herr Newstime gesichtet wurden. Etwas leiser, aber doch dabei waren auch Batz und Manniac von Fipps. Und sicherlich waren noch zig weitere bekannte YouTuber dabei, die ich allesamt nicht erkannt habe 😉

Die Kritik

Die Demonstration lief tatsächlich nicht so richtig so, wie man sich eine Demo mit Punch vorstellt. Das begann schon damit, dass die Reden teils viel zu leise gepegelt waren. Auch war die Gruppe der Demonstranten überraschend ruhig, wenn sie nicht irgendwie animiert wurde – Unmut, Wut, ein Wille zum Meinungskundtun war nicht so richtig erkennbar. Nicht jede Rede hat mitgerissen, “Wir sind die Bots!”-Rufe endeten so planbar, dass man sich schon über die eintreffenden Vorhersagen des Abebbens lustig machte.

Zwei Faktoren wurden aber von vielen Seiten kritisiert. Einerseits lief auf dem Protestwagen zu großen Teilen sanfter Techno oder Dancemusik. Laut genug, um den Protestzug beschallen und so manch Aufmerksamkeit zu erregen. Es würde wie eine zweite Loveparade wirken. Gehaltvolle Reden würden der Musik untergeordnet.
Andererseits übernahmen am Ende der Demonstration YouTuber den Protestwagen. Simon Will performte einen Song, den er als eigene Singleauskopplung promotete, und bot Merchandise an. Irgendwoher tauchte noch Mediakraft-Gründer Christoph Krachten auf. Die Demonstranten riefen nach Tanzverbot. Man sei doch nicht auf den YouTube-Videodays, sondern bei einer Demonstration.

Aber warum denn nicht…?

Zugegeben: Der Auftritt von Simon Will war schlecht. In vielerlei Hinsicht. Kommerz, Selbstproduktion und Merch haben auf einer Demo nichts zu suchen. Zudem waren seine Wortbeiträge in jeglicher Hinsicht heiße Luft.
Auch die kurze Rede von Herrn Newstime glich eher der Antrittsrede eines Reichskanzlers, aber zumindest war sie inhaltlich passend, nur im Ton halt daneben (wofür er sich auch entschuldigte).

Was ich jedoch nicht nachvollziehen kann, ist die Kritik der Unterhaltungsmusik – und der YouTube-Auftritte am Ende. Ich muss selbst einschränkend mitgeben, dass ich die YouTuber am Ende auch nicht gut empfand und deswegen die Demo früher verließ. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto eher befürworte ich das YouTube-Ende. Nicht in allen Facetten. Aber im Grundsatz.
Denn die YouTuber haben etwas Hervorragendes geschafft: Sie haben die Jugend auf die Straße geholt.

Bereits zu Beginn der Demo fiel mir auf, wie viele junge Leute sich eingefunden haben. Diese jungen Leute sind zu großen Teilen aber nicht die Kernkonsumenten von Chaos Computer Club oder netzpolitik.org. Sie sind YouTube-Konsumenten (und zu einer überraschend großen Zahl auch -produzenten). Meine These: Wir wären ohne die Jugend wesentlich weniger gewesen. Es war erfrischend, belebend und natürlich auch mengenmäßig eine Hausnummer, dass sich seriöse Hasen wie Markus Beckedahl mit den Anhängern von Tanzverbot und PietSmit mischten.
Auflehnen im gemeinsamen Verständnis. Und ist es nicht das, was man eigentlich erreichen will?

Wir wa(e)ren doch auch nicht anders

Was spricht denn gegen Unterhaltungsmusik und YouTuber auf Demonstrationen? Wären wir nicht anders (oder die Älteren unter uns: Waren wir nicht anders), wenn ein Star aufruft, wir ihm folgen und wir ihm dann im Rahmen des Events nah sein konnten? Wenn ein Star früher aufrief, ging man sicherlich auch aus dem gemeinsamen Grund auf die Straße, aber auch aus einem gewissen Fankult heraus.
Bei LiveAid waren die Stadien sicher nicht ausschließlich mit überzeugten Demonstranten gefüllt, sondern auch mit Menschen, die ein Konzert eines Stars live sehen konnten. Zugegeben, Simon Will und Tanzverbot mit Bob Geldorf und Queen zu vergleichen ist schon ein mutiger Ansatz. Aber die Message, die ich verfolge, bleibt identisch.

Techno und Dancemusik auf dem Partywagen sehe ich auch nicht als problematisch an. Es sorgt für Aufmerksamkeit: Die Menschen haben geschaut, die Menschen haben gefilmt, die Menschen haben gefacebookt. Ist es nicht das, was erreichen möchte, wenn man auf die Straße geht? Aufmerksamkeit für die Sache?

Demonstrationen im Umbruch?

Schon immer haben prominente Gesichter dafür gesorgt, dass sie die Massen bewegen konnten. Es ist erwiesen, dass die heutige Generation sich mehr durch YouTube informiert als über das “linerare Fernsehen”. Ich halte es deswegen nicht falsch, wenn diese Prominenten es schaffen, die ach so politikverdrossene Jugend zu mobilisieren. Auch, wenn ich mit dem Begriff des “Prominenten” so meine Probleme habe, so muss auch ich akzeptieren, dass heutzutage der Fankult anders funktioniert als vor 20 Jahren, wo mein absoluter Star Hartmut Engler unerreichbar war (true story…).

In anderen Kulturen wird der für uns traurigste Moment gefeiert: Der Tod eines Menschen, die Beerdigung. Hierzulande herrscht gedrückte Stimmung, Trauerflor. An anderen Stellen wird es erst dann richtig bunt, Menschen kommen zusammen und feiern, dass der Mensch war und was er gab.
Übertragen auf Demonstrationen muss nicht jede Aktion mit Verdi-Trillerpfeifen und ellenlangen Reden begleitet werden – es gibt auch andere Modelle.

Vielleicht müssen wir uns alle, auch die Kritiker, der Sache ein bisschen öffnen. Wir erleben gerade einen Umbruch, eine Politisierung der Jugend. Sei es wegen Urheberrechtsschutz, sei es wegen Klima. Die letzten 20 Jahre gab es kaum Grund für die Jugend, auf die Straßen zu gehen. Jetzt passiert es. Und das ist gut, so gut!
Doch in den letzten 20 Jahren ist auch eine Menge passiert. Und vielleicht passen die klassischen Demonstrationserwartungen nicht mehr zur heutigen Zeit – zumindest, wenn man gemeinsam, jung und alt vereint, am selben Strang ziehen möchte.

Eure Meinung

Sicherlich hätte es bessere YouTuber gegeben, die auf dem Wagen hätten stehen können. LeFloid stammt auch aus Berlin, selbst Freshtorge kann im richtigen Moment den richtigen Ton anschlagen. So meine ich nicht, dass Tanzverbot nun der Richtige für eine Rede wäre.
Aber ich bin (nach ein bisschen Nachdenken) doch dankbar, dass YouTuber da waren und auch ein Element der Demo darstellten.

Liege ich komplett falsch? Habt ihr eine andere Meinung? Wie seht ihr den Sachverhalt: “Darf” eine ernste Demonstration Unterhaltungsmusik spielen? Sind YouTuber auf dem Wagen der falsche Ansatz?
Mich interessiert eure Meinung – schreibt sie gern in die Kommentare (und abonniert diesen Kanal und drückt die Glocke…).

Comments (1)
  1. Anton 04.03.2019

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