Oscar Best Live Action Short Films 2016 – die Kritiken

Fünf Filme in der Kategorie “Bester Kurzfilm” (original: Best Live Action Short Film) sind in diesem Jahr nominiert. Wir hatten die Gelegenheit, die Filme noch vor der Verleihung zu sehen. Eine kurze Vorstellung der Filme und unsere Kritiken dazu gibt es in diesem Artikel.

Alles wird gut (Deutschland/Österreich)

Regie: Patrick Vollrath, 30min
Simon Schwarz, Julia Pointner, Marion Rottenhofer

Alles wird gut

Die junge Lea (Julia Pointner) wird von ihrem Vater (Simon Schwarz) abgeholt – ihre Eltern leben in Scheidung. Doch jetzt ist Vater-Tochter-Zeit! Vater ist heute besonders lieb und kauft Lea viele tolle Dinge. Doch dann verändert sich der Papa und schnell sehnt sich Lea zurück zur Mama. Doch ein Zurück scheint unmöglich…

Die deutsch-österreische Produktion ist die längste unter den Nominierten: Mit 30 Minuten fällt der Film gerade noch so unter die Kategorie “Kurzfilm”. Doch der Film erzählt nichts redundant, nimmt sich aber die Zeit, die er braucht, um die Situation aufzubauen und auszubauen, auf die er unweigerlich zusteuert. Beängstigend ist es, dass der Zuschauer schnell eine Ahnung entwickelt, welche Richtung der Film einschlägt, währenddessen die junge Lea lange dem Elternteil vertraut. Es entwickelt sich ein Teufelskreis, der, nachdem er erst einmal Fahrt aufgenommen hat, unumkehrlich erscheint. Man entwickelt schon fast Sympathien für den Vater, was die innere Zerrissenheit des Zuschauers noch weiter unterstützt: Eigentlich ist man für Lea, doch kann man den Vater verurteilen?

Der Film verzichtet nahezu ausschließlich auf Musik, sondern lässt die Situation an sich wirken. Was anfangs ungewohnt steril wirkt, zeichnet den Film im späteren Verlauf aus: Ohne Effekthascherei erzählt er eine hochgradig emotionale Geschichte, die eigentlich keinen Gewinner kennt. So steril und unspektakulär der Film seine Erzählung durchführt, so klar und deutlich ist auch das Ende – die Bewertung des Gesehenen obliegt dem Zuschauer. Simon Schwarz spielt den Vater gut, der heimliche Star ist aber die junge Julia Pointner: Sie spielt die liebende, später verwirrte Lea hervorragend durch alle Facetten. Zusammen mit dem Drehbuch für mich eines der Highlights der Kurzfilme dieses Jahr.

Stutterer (UK)

Regie: Benjamin Cleary, 12 Minuten
Matthew Needham, Chloe Pirrie, Eric Richard

Stutterer

Greenwood und Ellie haben sich über das Internet kennengelernt und führen seit sechs Monaten eine Online-Beziehung. Nun steht das erste Date von Angesicht zu Angesicht bevor – doch der einsam und zurückgezogen lebende Typograph Greenwood stottert so sehr, dass er sich nur mit Mühe traut, überhaupt einen Satz zu sprechen. Durch den Rückzug in die digitale Kommunikation findet Greenwood die einzige Möglichkeit, eine bedeutungsvolle Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Mit dem Date, das ihm bevor steht, muss er sich der Angst vor sozialem Kontakt stellen und einem anderen Menschen als echter Gegenüber begegnen. Nicht wissend, dass auch Ellie eine ganz eigene Kommunikationshürde zu überwinden hat.

Mit stetig wachsender Nutzung von WhatsApp, Facebook und anderen Möglichkeiten des digitalen Nachrichten-Versands hat sich ein massiver Teil unserer Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen auf die Technik als Mittler verschoben. Was Stutterer in der Parabel des Stotterers zu zeigen vermag: Egal, wie viel bequemer, näher, oder einfacher das Kommunizieren durch Technik wird – niemals kann es den echten Kontakt zwischen zwei Menschen ersetzen.

Jeder sollte sich seinem ganz persönlichen “Stottern” stellen und den mutigen Schritt in die Wirklichkeit wagen. Für mich der berührendste Film des diesjährigen Programms und mein persönlicher Favorit. In nur zwölf Minuten eine auf jeder Ebene humorvoll, bewegend und inspirierend angestellte Überlegung zur Kommunikation und ein wunderschöner Appell für ein bisschen mehr Wirklichkeit, für echten Austausch und für ein wenig Menschlichkeit. Die Welt ist distanziert und kalt genug. Stutterer erinnert daran, dass Kommunikation nicht nur Sprache, Aussage oder Inhalt bedeutet. Manchmal geht es auch einfach um das Miteinander, um die gemeinsam verbrachte Zeit, die geteilte Erfahrung zweier Menschen in der Welt.

Shok (England/Kosovo)

Regie: Jamie Donoughue, 21min
Lum Veseli, Andi Bajgora, Eshref Durmishi

Shok

Irgendwann in den 1990ern, im Kosovo tobt der Krieg. Petrit und Oki sind Albaner und beste Freunde. Petrit hat Kontakt zu den serbischen Söldnern aufgenommen und verdient sich durch Verkaufen von Zigaretten ein kleines Zubrot. Oki treut den Serbiern nicht, Petrit spricht sogar von seinen “Geschäftspartnern”. Doch schneller als allen lieb ist, zeigt der Konflikt zwischen Serbiern und Albanern sein wahres Gesicht…

Ein Film der Gegensätze: Albaner und Serbier. Krieg und Frieden. Vertrauen und Misstrauen. Und zugleich eine selten so gut inszenierte Hommage, dass Freundschaft und Vertrauen über Hass und Krieg steht. Selten habe ich so viele Emotionen in einem Film gesehen, ohne dass diese mit spürbarem Druck in einen Film gepresst wurden. Der Alltag im Kosovo ist gefährlich und das merken Petrit und Oki leider viel zu schnell – Petrit hat nicht nur den Serbiern vertraut, er hat auch das Vertrauen seines Freundes missbraucht. Doch wenn es darauf ankommt, stehen Freunde füreinander ein. Und es ist egal, welche Situation den Einsatz fordert. Was hier klischeehaft klingt, ist dem Zuschauer so schlüssig und naheliegend, dass es kaum Gründe zum Zweifeln gibt.
Die letzten Szenen holen aber den Zuschauer wieder zurück, zurück in eine Realität, die niemand leiblich durchleben möchte.

Lum Veseli spielt den anfangs überzeugten, später zögernden bis hin zu ängstlichen Petrit hervorragend und auch Andi Bajgora hat seine Rolle als über seinen eigenen Mut hinauswachsenden Oki überragend drauf. Das Setting, eine enge Freundschaft in einer Umgebung voller Hass und Gewalt darzustellen, ist mutig, ja fast zum Scheitern verurteilt, weil zu plakativ. Doch Shok schafft es, Freundschaft darzustellen, wie wir sie alle schon erlebt haben bzw. erwarten. Dies macht den Film trotz der geographischen Ferne so nachvollziehbar, somit auch berührend. Der Film generiert erleichterte Seufzer beim Abspann – aus Dankbarkeit, ein solches Spannungsfeld nicht täglich erleben zu müssen. Manchmal reichen auch 21 Minuten…

Day One (USA)

Regie: Henry Hughes, 25 Minuten
Layla Alizada, Navid Negahban, Alexia Pearl, Bill ZasadilDayOne

Der erste Arbeitstag von Feda, einer Dolmetscherin der US-Streitkräfte in Afghanistan. Was mit einer Routine-Durchsuchung beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Fiasko: Feda muss einer Frau dabei helfen, ihr Kind zur Welt zu bringen. Doch sowohl Mutter als auch Kind schweben in Lebensgefahr und Feda hat keinerlei medizinische Ausbildung.

Die junge Frau, unerfahren und deutlich schwächer als ihre männlichen Kollegen, wird in die Unruhen eines Krisengebiets geworfen. Statt zu zeigen, wie hier eine von den anderen Soldaten als Kameradin unterschätzte Frau sich gegen latente Diskriminierung durchsetzt, entscheidet der Film sich so ziemlich für das Gegenteil: Feda rettet (nur unter der Anleitung eines männlichen Arztes natürlich) das Kind, der Vater übergibt ihr vertrauensvoll sein Neugeborenes, während er in Handfesseln abgeführt wird und Feda findet die ihr vom Film zugedachte Rolle: die Rolle der Mutter. So viel zur Stärke einer unabhängigen Frau. Doch damit nicht genug: Die Anwesenheit der US-amerikanischen Streitkräfte wird selbst vom afghanischen Vater des Kindes als “von Gott geschickt” beschrieben, um die Afghanen aus ihrem Leid zu befreien und – Achtung, kreative Metapher: das unschuldige Neugeborene inmitten der Krise mit vereinten Kräften zur Welt zu bringen.

Was als abgegriffene Metapher beginnt, endet in überraschend unverhohlenem Kriegs-Pathos: Die USA heilen das Leid der Welt und bringen das Licht von Frieden und Gerechtigkeit in die dunklen Ecken. Die Afghanen sind dafür natürlich auch noch dankbar. Dass überhaupt der Eingriff in die Familie, die Zerstörung der Lebensverhältnisse dazu führt, dass es ein Kind zu retten gibt, lässt der Film dabei unter den Tisch fallen. Es ist erschreckend, dass nach allen öffentlichen Debatten noch immer derartig aggressive Propaganda für US-militärische Aktionen gemacht werden kann, die ganz nebenbei auch noch jeden Ansatz eines emanzipatorischen Potenzials mit dem Kitsch einer seligen Mutter-Inszenierung zunichte macht. Sehr ärgerlich, sehr problematisch – und vermutlich leider ein heißer Kandidat für die Auszeichnung durch die Academy.

Ave Maria (Frankreich)

Regie: Basil Khalil, 14min
Maria Zreik, Huda El-Imam, Shady Srour

Ave Maria

Eine Israeli-Famile erleidet einen etwas ungewöhnlichen Unfall mitten in der Einöde. Ihre einzige Hilfe: Ein Kloster voller christlicher Nonnen im Schweigegelübde. Alle wollen nur das Beste und doch bringen die Religionen viele Probleme mit sich…

Das Zusammentreffen von den Judentum und Christentum bringt viele Reibungsflächen mit sich: Sei es das Schweigegelübde und absolute Enthaltsamkeit auf der einen Seite, und Sabbat sowie jüdische Speisegesetze auf der anderen Seite. Überall zeigt die Ausübung des tiefsten Glaubens ganz menschliche Probleme, wenn man sich im Umfeld eines anderen Glaubens bewegt. So gerät ein Telefonanruf zum Nervenspiel und Durst siegt über den Glauben.
Das Zusammentreffen wird respektvoll und doch lustig auf die Leinwand gebracht, lässt aber etwas an der Tiefe vermissen. So erscheint der gesamte Film wie eine Persiflage seiner selbst, ohne jedoch den richtigen Zünder zu finden. Lediglich eine Nonne weiß am Ende mit sehr weltlichen Erfahrungen zu überraschen und so den bereits nach wenigen Minuten ausgelaugten Witz aufzufrischen.

Im Gegensatz zu allen anderen Filmen ist Ave Maria der schwächste von allen: Weder von Erzählung noch vom Schauspiel überzeugt der Film, auch wenn er zeitweise mit entlarvendem Auge die Eigenschaften der Religionen darstellt. Gegenüber der starken Konkurrenz aber nicht überzeugend.

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