Verstehen Sie die Béliers?


Filmposter: Verstehen Sie die Béliers?Regie:
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Kinostart D:
Originaltitel: La famille Bélier
Laufzeit: 1:40 Stunden

Filmkritik zu “Verstehen Sie die Béliers?”

2.5/5 von Betti

Oder auch nicht. So richtig sicher kann man sich da nicht sein, zu beliebig bleibt das Spiel der Hauptfigur, dargestellt von Louane Emera, die in Frankreich im Jahr 2013 mit der dortigen Ausgabe von ‚The Voice’ bekannt geworden ist. Zumindest nett singen kann sie also. Wobei nett leider irgendwie auch alles ist.

Was ein charmanter Film übers Aufbegehren, über den Prozess des Erwachsenwerdens und sich Abnabeln von Familie und vorgegebenen Pfaden hätte werden können, verliert sich zusehends in Plattitüden und Klischees. Der Film will tatsächlich nichts anderes als unbedingt charmant sein, scheitert dabei aber ziemlich klanglos… Die Kommunikation innerhalb der Familie erfolgt über Gebärdensprache, das merkwürdige daran ist irgendwie nur, dass die Tochter filmgeschuldet natürlich ihren Text trotzdem laut spricht, auch wenn eigentlich kein Hörender anwesend ist. Das soll es dem Zuschauer bestimmt leichter machen, hinterlässt aber vor allem einen wahnsinnig inkonsequenten Eindruck.

Die Figuren, allen voran Mutter und Vater Bélier, sind skurril angelegt bis zur völligen Überzeichnung, lösen beim Betrachter aber eher ein Gefühl des Fremdschämens statt der erhofften Feel-Good-Familien-Bande aus. Auch die anderen Charaktere des Films wirken wie die übliche Sammlung von Karikaturen: der prätentiöse Gesanglehrer Monsieur Thomasson, der selbst nie entdeckt wurde und zum Trotz dagegen (mit Seidenschal und Samtjacket!) seine Schüler zwingt, kitschige französische Chansons zu singen; die sexbesessene beste Freundin, die den kleinen Bruder verführt (eine seltsame und irgendwie unnötige Episode, die nie weiter thematisiert wird, vor allem nicht zwischen den Freundinnen); der naturgemäß etwas dümmliche Dorf-Bürgermeister und und und. Paula, die zu Beginn als einzig Normale scheint (und dabei ist normal nicht auf die Hörfähigkeit gemünzt!), bleibt daneben am Ende vor allem eins: blass.

Tatsächlich irgendwie relevante Themen, die der Film durchaus hätte vertragen können, kommen dagegen kaum vor oder werden bestenfalls in angestrengter Flapsigkeit angeschnitten: die Debatten über Integration und Divergenz, Diskussionen zum Cochlea- Implantat, Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Bilingualität zwischen Gebärden- und Lautsprache werden auf merkwürdige Art und Weise zwar kurz angesprochen, aber irgendwie auch nicht wirklich thematisiert. Das soll nicht heißen, dass ein Film, der eine taube Familie in den Vordergrund stellt, sich zwangsläufig mit diesen Themen auseinandersetzten muss, aber letztendlich muss die Familie Bélier ja genau das eigentlich tun. Bzw. müsste sie es dringend tun. Die Rolle der Tochter als Dolmetscherin wird nie wirklich in Frage gestellt. Jeder Teenager wäre damit irgendwann überfordert, doch das blasse Mädchen fügt sich scheinbar völlig willenlos in ihre Rolle. Nie begehrt sie wirklich auf, nie kommt es ernsthaft zum Streit. Selbst als die Mutter ihr betrunken ihr Fähigkeit zu hören zum Vorwurf macht, steht sie bloß (ein wenig schmollmundig und mit weit aufgerissenen Augen) da.

Wirklich rührend ist nur ein Moment: nach dem Auftritt ihrer Tochter mit Schulchor und dem obligatorischen Duett, (in welchem die Tonspur in die Perspektive der Eltern wechselt und tatsächlich nichts als ein bedrückendes, leises Dröhnen zu hören ist, was durchaus ein netter Ansatz ist), danach jedenfalls gibt es eine berührende Szene zwischen Vater und Tochter. Sie singt, im Gras sitzend, nur für ihn. Er legt seine Hand an ihr Schlüsselbein und fühlt so ihr Singen. Da ist tatsächlich einmal kurz die familiäre Nähe da, die sonst immer nur lauthals beschworen wird… Die Untermalung ihres finalen Auftritts vor dem Gesangs-Komitee mit Gebärden für ihre Eltern im Publikum ist dann auch keine Überraschung mehr.

Der deutlich bessere Film, mit ähnlicher Thematik, ist in jedem Fall „Jenseits der Stille“ aus dem Jahr 1996. Auch hier entdeckt das einzig hörende Kind seine Liebe zur Musik und stößt damit an die Grenzen seiner Welt. Oder die US-amerikanische Serie „Switched at Birth“, die ausgesprochen spannend gerade mit der Implantant-Frage und kulturellen Konflikten zwischen Tauben und Hörenden umgeht und sogar so konsequent ist, in einer Episode fast vollständig auf gesprochenen Text zu verzichten und statt dessen ausschließlich über Gebärden kommunizieren lässt.
Also nein, ich hab die Béliers nicht verstanden. Was aber durchaus vor allem an der Unentschiedenheit der Figuren und der Geschichte liegt und nicht an den Gebärden.

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Kommentare(2)
  1. G.G. 10.04.2015
  2. phil 12.04.2015

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