Draussen in Meinem Kopf


Filmposter: Draussen in Meinem KopfRegie:
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Kinostart D:
Originaltitel: Draussen in Meinem Kopf
Laufzeit: 1:39 Stunden

Filmkritik zu “Draussen in Meinem Kopf”

4/5 von Phil

Der Film spielt ausschließlich im direkten Umfeld von Lars, der aufgrund Muskelschwunds durchgehend im Bett eines Pflegeheims liegt und nur noch seinen Kopf bewegen kann. Nie spielt der Film abseits von Lars, selbst der Blick aus dem Fenster bleibt dem Zuschauer verwehrt und FSJ’ler Christoph muss Lars beschreiben, was er außerhalb des Raumes sieht. Menschen betreten und verlassen den Raum, ohne dass Lars Einfluss darauf hat oder der Zuschauer weiß, was hinter der Tür ist.
Diese Enge und Hilflosigkeit überträgt sich schnell auf den Zuschauer, für den, sofern nicht selbst betroffen, der Blick aus dem Fenster selbstverständlich ist. Es ist ein Mikrokosmos, der beengt und trotz aller gezeigter Freude und Faszination an der Musik trist wirkt.

In wenigen Szenen schafft es der Film sehr greifbar, die Anhängigkeit zu Anderen darzustellen. Eine CD, die zu springen anfängt, wird mit jeder Sekunde Springen immer intensiver und unangenehmer, wenn man nur im Bett liegen und darauf hoffen kann, dass wer die ständige Wiederholung von zwei Sekunden bald abstellt. Leider hält der Film diese Situation nicht lang genug aufrecht, um wirklich beim Zuschauer zu schmerzen.
Lars ist als Mensch schwer zugänglich und doch meint man, in bestimmten Situationen mit ihm fühlen zu können. Die Abhängigkeit zu Anderen zeigt uns als Zuschauern an vielen Stellen, dass gut gemeint nicht immer auch gut gemacht ist. Es ist reale Absurdität, wenn zu Weihnachten ein Chor am Krankenbett steht und singt, während Lars, mit Atemunterstützungsmaske im Gesicht, diesem hilflos ausgeliefert ist. Das Drapieren eines Schokoladen-Weihnachtsmanns, unerreichbar am Fuß des Betts, ruft am Ende vor Skurillität ein betroffenes Lachen beim Zuschauer hervor.
Es sind solche Szenen, die den intensiven Einblick in eine uns recht unbekannte Welt geben.

Der Film versucht, die Gefühlswelt von Lars in vielen Facetten einzufangen und schafft dies auch zu weiten Teilen. Auch oder vielleicht gerade, weil Lars unberechenbar erscheint. Zeitweise ist die Beziehung zwischen Lars und Christoph sehr eng, wenn es um Liebe, Sexualität, aber auch tägliche Körperpflege geht. Doch manchmal bahnt sich schier unbegrenzte Bitterkeit, Traurigkeit und vielleicht auch Verzweiflung ihren Weg und ergießt sich in schmerzenden Worten. Immer wieder fragt man sich selbst, wie man sich in solchen Situationen fühlen würde, wie man selbst reagieren würde. Eine vermutlich recht menschliche Situation ist es, diese Fragen weit von sich zu schieben – genau dagegen arbeitet der Film an, denn Lars kann dies nicht von sich schieben. Und so sind wir gezwungen, Antworten zu suchen, keine zu finden – und fühlen erst dann, was in Lars selbst vorgehen muss.

Es gibt keinen direkten roten Faden, keine sichtbaren Spannungsbogen, der die gesamte Filmlaufzeit umspannt. Dies tut dem Gezeigten gut, denn so konzentriert sich alles auf Lars’ Alltag statt auf große Dramen. Die Kamera weiß dennoch jederzeit Szenen so zu inszenieren, dass der Film nie nüchtern dokumentarisch wirkt, sondern auch ohne Worte und Musik Emotionen hervorruft. Wer möchte, kann auch interpretieren, dass die Kamera das Unbeschreibliche einfach visualisiert – und er läge vermutlich richtig. Insbesondere das Ende schlägt einem mit Anlauf in die Magenkuhle und ist vielleicht das beste Sinnbild über Lars Emotionen.

Natürlich ist es unklar, wie viel Lars in der Person Samuel Koch steckt. Unabhängig von der Antwort der Frage ist es jedoch Fakt, dass Samuel Koch wie Lars ab dem Hals abwärts gelähmt ist und man sich als Zuschauer zumindest vorstellt, dass es hier große Schnittmengen zwischen den Person und Rolle gibt. Dieser Fakt ist es auch, der dem Film seine besondere Tiefe gibt: Es ist fraglich, ob die Inszenierung mit einem vollständig gesunden Schauspieler genau so funktioniert hätte wie mit einem Menschen, dessen Leben durch wenige Sekunden vollständig verändert wurde und uns so bewusst macht, wie fragil persönliche Unabhängigkeit sein kann.

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