Keep Surfing – Filmkritik
Eigentlich kann ich mit der Sportart Surfen so überhaupt nichts anfangen. Der „gemeine Surfer“ gilt bei mir als braungebrannter Blender mit lockigem Haar und gewinnendem Lächeln. Tolle Fassade, nix dahinter. Kann stimmen, muss aber nicht. „Keep Surfing“ beschäftigt sich nämlich gerade nicht mit diesen trendigen Surf-Models, bei denen das unter den Arm geklemmte Surfbrett reine Anmach-Masche ist. Hier geht es um das kleine Grüppchen Idealisten, die im Surfen ihre Erfüllung gefunden haben.

Sicherlich werde ich mir auch zukünftig das Gedankengut vom wahren Surf-Volk nicht zu eigen machen; einen interessanten Einblick in eine mir bisher vollkommen fremde Lebensweise bietet der Film jedoch allemal. Dreh- und Angelpunkt des Films ist der Eisbach in München. In den 70er Jahren haben findige Münchner herausgefunden, dass in diesem Zweig der Isar manchmal so starke Strömungen herrschen, dass sich an gewissen Stellen eine dauerhafte Welle ergibt. Anfangs wurden Bodyboards aus Styropor geschnitzt, erste Surfversuche gewagt und etliche Pläne verworfen, wie man dieses flüchtige Naturereignis zu einer Konstanten machen kann. Schließlich ist es gelungen: durch eine in den Fluss eingelassene Holzplanke ergeben sich stetige Verwirbelungen, die eine andauernde Welle ermöglichen. Fortan avanciert das kleine Eckchen im Englischen Garten zum Mekka der Inland-Surfer.
„Keep Surfing“ erzählt die Geschichte dieser Pioniere, die festgestellt haben, dass man zum Surfen nicht unbedingt nach Hawaii fahren und die richtig großen Wellen reiten muss. Weltweit gilt der Münchner Eisbach quasi als Geburtsort der immer populärer werdenden Inland-Surfsportart. Und so sieht man nicht nur die Einheimischen, sondern auch gestandene Surf-Weltmeister und Surf-Interessierte aus aller Welt, die einmal die „Münchner Welle“ reiten wollen.
Regisseur Björn Richie Lob schafft es, mit immer wieder auf neue Weise beeindruckenden Bildern das Lebensgefühl der „echten“ Surfer in Szene zu setzen. Mal sind es Zeitlupenaufnahmen, die dieser Sportart richtige Ästhetik verleihen, mal sind es die Bilder aus einem Familienalbum eines Surfbegeisterten, der gemeinsam mit seinen Kindern rund um die Welt reist und sich voll und ganz dem Surfen verschrieben hat. Mehr und mehr wird es auch für den geneigten Zuschauer nachvollziehbar, wenn der gut 50jährige Dieter Deventer schwärmt: „Gemeinsam mit meinen beiden Töchtern eine Welle zu reiten, das ist ein Traum.“ Man nimmt es ihm ab, ebenso wie all den anderen, die das Surfen nicht nur als Mode betreiben, sondern die im Surfen einen Weg gefunden haben, ihren eigenen Flow zu finden. Manch einer (namentlich Quirin Rohleder) begann in München eine echte Karriere als Weltklasse-Surfer. Ein anderer hat durch das Surfen so viel Selbstbewusstsein gewonnen, dass er inzwischen sogar nackt, nur mit einem Socken an der wichtigsten Stelle bekleidet, in die Fluten springt. Surfen kann das Leben verändern.
Natürlich werde ich nun nicht die Shorts anziehen, mir bei Ebay ein Surfboard ersteigern und nach Oahu auswandern. Aber einige Vorurteile zum Thema Surfen konnte mir der Film schon nehmen. Solche Sätze wie „Ich muss einfach jeden Tag ins Wasser. Ein Tag ohne Welle geht gar nicht.“ machen mir klar, dass Surfen weit über die gefestigten Vorurteile über Blendertum und Sonnyboys hinaus gehen. Surfen kann eine Leidenschaft sein, die es bei einigen wenigen tatsächlich schafft, zum absoluten Lebensmittelpunkt zu werden.
Durchschnittliche Bewertung von "Keep Surfing" bei 1 Bewertung: 8/10 Sternchen
Geschrieben von andreas am 16. Mai 2010 unter Featured, Film, Filmkritiken || keine Kommentare
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