Vincent will meer – Filmkritik
Nach dem Tod seiner Mutter verliert der nun allein lebende Vincent den letzten Halt im Leben. Sein politisch erfolgreicher Vater, der längst das Haus verlassen hat, um mit seiner Assistentin zusammenzuleben, kann auf seinen Sohn auch gut verzichten, denn: Vincent hat das Tourette-Syndrom, leidet an unkontrollierbaren Muskelkrämpfen, die sich teils auch in ebenso unzähmbarer Fäkalsprache manifestieren. Da Daddy gerade mitten im Wahlkampf ist, kann er eine weitere Last natürlich überhaupt nicht gebrauchen. Kurzerhand wird Vincent in eine Klinik für psychisch Kranke abgeschoben. Dort lernt er die magersüchtige Marie und den zwangsneurotischen Alex kennen. Als Vincent und Marie auf die Idee kommen, mit dem geklauten Wagen der Anstaltsleiterin durchzubrennen und Alex ihnen dabei über den Weg läuft, beschließen sie, ihn einfach mitzunehmen. Das Ziel ist klar: Vincent will nach Italien ans Meer.
Ich habe mich wirklich gewundert, dass im Abspann des Filmes nicht ein einziges Mal der Name „Til Schweiger“ auftaucht. Denn solche Filme sind eigentlich seine Spezialität. Man erinnere sich an „Barfuß“, in dem Johanna Wokalek eine psychisch Kranke spielt. Oder an „Phantomschmerz“, in dem Radprofi Schweiger ein Bein verliert. Beides Filme, in denen die Hauptpersonen ein schweres Schicksal zu tragen haben. Aber auch beides Filme, die einen hoffnungsvollen Ausblick zulassen und mit einer kleinen Prise Komik das Todtraurige aus dem Stoff ziehen. Ebenso ergeht es „Vincent will mehr“: die Erkrankungen der drei Hauptpersonen werden ernst genommen, was aber nicht heißt, dass man sich deswegen zu jeder Zeit ein Lächeln verkneifen muss. Eine Botschaft des Filmes ist es also, zu verdeutlichen, dass psychische Erkrankungen durchaus ernst sind, sie aber kein Makel, kein Tabu sein sollte, über das man nicht im gewissen Maß auch mal einen Witz machen darf.
Erfreulicherweise vermeidet es der Film, das Tourette-Syndrom für flache Gags der „American Pie“-Liga auszuschlachten. Anstatt Situationen zu kreieren, in denen herausgerutschte Schimpfwörter „ganz besonders lustig“ sind, wird durchgehend das Gefühl vermittelt, was für eine Belastung diese Erkrankung darstellt. Dass Florian David Fitz seinem Vincent durch seine herausragende schauspielerische Leistung ein authentisches Profil gibt, wertet diesen Film noch einmal auf. Dass Fitz zusätzlich zu dieser Paraderolle auch das Drehbuch geschrieben hat, verkommt angesichts seiner glaubwürdigen Zuckungen fast zur Nebensache. Eine weitere Glanzleistung liefert Heino Ferch als Vincents Vater ab. Er, der Politiker lernt im Lauf des Films, dass es doch etwas wichtigeres gibt als gute Umfragewerte und ein makelloses Saubermann-Image. Seine Wendung vom Saulus zum Paulus ist ihm ebenfalls sehr glaubwürdig gelungen und wirkt nicht gekünstelt.
Für mich waren es vor allem die kleinen Szenen, Blicke und Gesten, die diesen Film so groß gemacht haben. Wenn Vincent zur magersüchtigen Marie sagt „Versprich mir, dass du heute etwas essen wirst“, merkt man, dass auch das auf seine Weise eine Liebeserklärung sein kann. Und so gab es viele kleine Momente, die sich zu einem schlüssigen Mosaik zusammensetzen und aus „Vincent will mehr“ einen buntes Bild mit einigen tristen Grautönen, aber auch viel Hoffnung machen. Absolut sehenswert!
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Geschrieben von andreas am 04. Mai 2010 unter Film, Filmkritiken || keine Kommentare
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