Filmkritik: “Bedingungslos”

Es bestätigt sich immer wieder: die Filmschaffenden aus Nordeuropa haben (ebenso wie ihre Autoren) einen Hang zum Schrägen und Sperrigen. Kann ich persönlich ja sehr gut leiden. Mit „Bedingungslos“ kommt nun ein dänischer Film in die Kinos, der dem mainstreamverwöhnten Publikum erwartungsgemäß einiges abverlangt.
Durch einen dummen Zufall wird der Polizeifotograf Jonas ohne sein Zutun zum Auslöser eines verheerenden Autounfalls. Die junge Julia überlebt den Unfall schwer verletzt und liegt im Koma. Um bis zu ihrem Krankenzimmer vorzudringen, muss er sich im Krankenhaus als ihr Freund ausgeben. Dort wird er von Julias Familie als zukünftiger Schwiegersohn begrüßt. Denn Julia war lange Zeit in Vietnam und hat dort Sebastian kennen und lieben gelernt – ohne je die Chance gehabt zu haben, ihn ihrer Familie vorstellen zu können. Doch der echte Sebastian ist inzwischen tot – Julia hat ihm mit einer Pistole in die Brust geschossen. Jonas nimmt also dessen Platz ein. Ihm kommt zugute, dass sich Julia nach dem Erwachen aus dem Koma an nichts erinnern kann und zudem blind ist. Dumm nur, dass Julia eine kriminelle Vergangenheit hat, die sie auch in Dänemark einholt.
Der Film beginnt zugegeben sehr verwirrend: anfangs sieht man drei verschiedene Ausschnitte, die per Einblendung als „Liebesszene Nr. 1-3“ deklariert werden. Schon hier ahnt der gewiefte Zuschauer, dass nun ein Film folgt, der diese drei Szenen mehr oder weniger kunstvoll miteinander in Verbindung bringt. Die Erzählstruktur des Films erscheint anfänglich sehr gewöhnungsbedürftig, fühlt man sich doch einfach ins Geschehen hineingeworfen und muss sich viele Informationsschnipsel erst mühsam zusammensuchen. Die anfangs erwähnten Liebesszenen sorgen für ordentliche Verwirrung und wollen so gar nicht zu der dann folgenden Einführung des Hauptcharakters passen. Statt der anfänglichen großen Gefühle folgt der triste Arbeitsalltag eines Polizeifotografen.
Optisch ist der Film von Beginn an sehr ansprechend. Einige Szenen in einem farbübersättigten grobkörnigen Format wissen genauso zu überzeugen wie eine wundervolle, ja fast ästhetisch anmutende Superzeitlupe des folgenreichen Autounfalls. In vielen Szenen ist die Kamera ganz dicht dran am Akteur und lässt auch nicht die kleinste Gesichtsregung unbeachtet. „Bedingungslos“ bietet wirklich viel Futter für die Augen, ist schön anzusehen und gibt einem das Gefühl, dass sich da mal wieder Menschen wirklich Gedanken gemacht haben, wie sie ein relativ triviales Thema in außergewöhnlichen Bildern umsetzen können. So gesehen ist der Film wirklich gelungen und durchaus sehenswert.
Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten. Der Film erzeugt über weite Strecken hinweg eine sehr düstere, ernste Stimmung. Leider gibt es dann einige Szenen, die vermutlich nur unfreiwillig komisch sind. Humor ist in diesem Film so was von fehl am Platz. Trotzdem gab es einige Szenen, in denen das Publikum zurecht schmunzeln musste. Für mich waren diese Szenen ein echter Bruch mit dem atmosphärisch sehr dichten Film-Noir-Feeling..
Zugegebenermaßen ist der Film geschickt konstruiert und lässt den Zuschauer für eine erfreulich lange Zeit im Dunklen tappen. Immer wieder stellt man Vermutungen über die Zusammenhänge der anfänglichen Liebesszenen an. Und gerade weil der Film über weite Strecken so außergewöhnlich durchdacht wirkt, scheint das Ende absolut banal. Zwar ist der Weg zum großen Finale wirklich ausgeklügelt hergeleitet (wenn auch manchmal einen Tuck zu langatmig) – am Ende hätte ich mir aber doch gerne noch einen besonderen Twist mit Aha-Effekt gewünscht.
Abgesehen also vom Ende ist der Film durchaus sehenswert, auch wenn er nicht wirklich massentauglich ist (oder vielleicht gerade deswegen?). Allein die Unfallszene mit tausenden in Superzeitlupe durch den Fahrerraum fliegenden Glassplitter ist zumindest eine DVD-Ausleihe wert.

Durchschnittliche Bewertung von "“Bedingungslos”" bei 1 Bewertung: 7/10 Sternchen
Geschrieben von andreas am 11. März 2009 unter Film, Filmkritiken || keine Kommentare

