Filmkritik: “Der Vorleser”

Deutsche Schüler werden in ihrer Schulzeit mit dem einen oder anderen literarischen Werk Bekanntschaft machen, das sich mit der NS-Zeit auseinandersetzt. Florian Gansels Neuverfilmung des Buchs „Die Welle“ konnte im vergangenen Jahr unter anderem deswegen so viele Besucher in die Kinos locken, weil Lehrer ganze Schulkassen zur Ansicht der aus dem Unterricht bekannten Lektüre lotsten. Nun also Bernhard Schlinks „Der Vorleser“, der sich in den vergangenen Jahren einen festen Platz auf vielen Lehrplänen erarbeitet hat.
Das Jahr 1959: durch Zufall lernt der 15jährige Michael die Enddreißigerin Hanna kennen und beginnt mit ihr eine heimliche Liebesaffäre. Die Aktivitäten mit seinen Klassenkameraden vernachlässigt er mehr und mehr und erlebt stattdessen einen Sommer lang die erste Liebe. Doch die geheime Liaison, die Ende der Fünfziger gesellschaftlich komplett indiskutabel erschien, besteht nicht nur aus Michaels ersten sexuellen Gehversuchen. Regelmäßig muss er Hanna bei den geheimen Treffen aus seinen Büchern vorlesen. Doch irgendwann ist ihre Wohnung zurückgelassen, Hanna ward nicht mehr gesehen. Erst Jahre später, als Michael mitten in seinem Jura-Studium steckt, sieht er Hanna bei einer Gerichtsverhandlung wieder und wird ganz unvermittelt mit ihrem dunkelsten Geheimnis konfrontiert.
Der deutsche Schauspieler Michael Degen titelte in seiner (ebenfalls verfilmten) Autobiographie mit „Nicht alle waren Mörder“ und zeigte auf, dass in Zeiten des NS-Regimes das deutsche Volk nicht nur aus sadistischen Judenhassern bestanden hat. Bernhard Schlink zeigt in „Der Vorleser“ einen weiteren Aspekt auf, der in den Geschichtsbüchern und den Erzählungen von all den Gräueltaten leicht in Vergessenheit gerät: nicht alle, die für den Führer gearbeitet haben, taten dies aus voller Überzeugung. Manche waren Opfer ihrer eigenen Lebensumstände.
Sicher: der Werdegang der fiktiven Figur Hanna Schmitz ist schon sehr ungewöhnlich, doch durchaus denkbar. Eine Frau, die mehrfach vor einer Beförderung flüchtet, verwirrt den Zuschauer zunächst. Kann man die Gründe nach und nach schon gut erahnen, wird man spätestens zur Mitte des Films förmlich mit der Nase darauf gestoßen. In der Erzählweise zeigt sich, dass der Film sich sehr nah an das Buch hält. Auch dort offenbart sich die Schwäche der Hanna Schmitz nur nach und nach, wird erst langsam im gesamten Umfang mit all ihren fatalen Folgen deutlich.
Positiv: sowohl Kenner des Buches als auch absolute Neulinge werden diesem Film viel abgewinnen können. Während Lesefaule anfangs einige Zeit an Hannas Geheimnis knabbern können, konnte ich mich von Beginn an auf die schauspielerischen Leistungen der Hauptpersonen konzentrieren. Auch ohne den fehlenden Aha-Effekt habe ich bei der Verfilmung nichts vermisst.
Ob Kate Winslet ausgerechnet für die Rolle der Hanna Schmitz einen Oscar verdient hat (und nicht für eine ihrer bisherigen fünf Nominierungen wie etwa für „Little Children“), lasse ich mal dahin gestellt. Fest steht: sie liefert eine verdammt gute Arbeit ab, verleiht dem kompletten Gefühlsspektrum zwischen Gleichgültigkeit, Liebe, Verzweiflung und Scham ein ausdrucksstarkes Gesicht. Dass David Kross gut schauspielern kann, hat er uns in dem sehr intensiven Jugendgewalt-Drama „Knallhart“ bewiesen; dass er hier auf Augenhöhe mit einer Oscarpreisträgerin spielt, überrascht dann aber doch. Mit Leichtigkeit vermag er den Gefühlsdusel eines Frischverliebten ebenso glaubhaft darzustellen wie den Jura-Studenten, der mit einer Angeklagten ein dunkles Geheimnis teilt und an der unausgesprochenen Last fast mit zu zerbrechen scheint. Dass sich auch internationale Agenten nach dieser Leistung um den 18jährigen Berliner reißen sollen, erscheint somit nicht verwunderlich.
Inhaltlich teilt sich „Der Vorleser“ grob in drei Zeitebenen: Michaels Jugend, die Studienzeit und das Erwachsensein, in dem dann Ralph Fiennes den älteren Michael spielt. Gerade in der Anfangsphase wird die Handlung durch einen hervorragenden Soundtrack gut unterstützt. Vor allem die Szenen, in denen Michael und Hanna erstmals auf Tuchfühlung gehen, sind mit sehr behutsamen Melodien unterlegt, die gut zu den zaghaften Berührungen passen. Klanggewordene Sinnlichkeit.
Es gibt nicht viele Kritikpunkte, die diesen Film von einer Bestnote trennen, und doch: die deutsche Synchronisation ist teilweise schlecht, an einigen Stellen sogar richtig grauenhaft. Bei ein, zwei Szenen wundert man sich wirklich, wie sie durch die Post-Produktion durchgerutscht sind. In der Originalfassung wird der Film sicherlich noch einiges gewinnen. Was auch eine bessere Synchronisation nicht verhindern kann: im letzten Drittel wird aus der bisher gut passenden behutsamen Langsamkeit eine dröge Langatmigkeit. Einige Dialoge hätten sicherlich etwas eingekürzt werden können. Dennoch bleibt dies ein Mangel, der diesen ausgezeichneten Film über Schuld und Sühne um keinen Deut kleiner macht.

Durchschnittliche Bewertung von "“Der Vorleser”" bei 1 Bewertung: 8/10 Sternchen
Geschrieben von andreas am 10. März 2009 unter Film, Filmkritiken || keine Kommentare

